Nordamerikanische Automobilhersteller erhöhen den Druck auf ihre Zulieferer, unabhängig zertifizierte recycelte Kunststoffe aus Haushaltsabfällen (Post-Consumer Recyclate, PCR) in Batteriegehäusen für Elektrofahrzeuge einzusetzen. Treiber sind verschärfte einzelstaatliche Regulierung, ambitionierte Nachhaltigkeitsziele der Unternehmen sowie ein wachsender Druck von Investorenseite in Bezug auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit in der Lieferkette für Elektrofahrzeuge.
Hintergrund
Der Trend zu zertifiziertem PCR in strukturellen Komponenten von Elektrofahrzeugen ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Marktanforderungen und regulatorischen Vorgaben. Der weltweite Markt für recycelte Kunststoffe aus Haushaltsabfällen im Automobilsektor wurde 2024 auf 11,92 Milliarden US-Dollar geschätzt und soll von 2025 bis 2030 mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von 11,1 % auf rund 22,32 Milliarden US-Dollar anwachsen.
Auf Ebene der US-Bundesstaaten wird der regulatorische Rahmen für zertifizierte PCR-Anteile kontinuierlich ausgebaut. Stand August 2025 haben fünf US-Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die einen Mindestanteil von recyceltem Material aus Haushaltsabfällen in Kunststoffverpackungen vorschreiben - jeweils mit explizitem Fokus auf Post-Consumer-Material. Sowohl Oregon als auch Kalifornien verweisen für Teile der Konformität auf das APR PCR Certification Program oder einen vergleichbaren Standard. Weitere Bundesstaaten dürften Zertifizierungspflichten einführen, um die Einhaltung besser kontrollieren zu können. Stand August 2025 hat Kanada noch keine verpflichtenden Mindestrezyklatquoten für Kunststoffprodukte festgelegt.
Auch europäische Vorgaben beeinflussen die Strategien der OEMs. Hersteller, die sowohl in Nordamerika als auch in Europa aktiv sind, unterliegen dem EU-Regelwerk zu Altfahrzeugen (End-of-Life Vehicles), das verbindliche Rezyklatanteile in Neufahrzeugen anstrebt. Das zwingt global agierende OEMs dazu, einheitliche Beschaffungsstandards zu entwickeln, statt für jeden Markt eigene Ansätze zu verfolgen.
Details
Große nordamerikanische Automobilhersteller wie Ford und GM haben konkrete Nachhaltigkeitsverpflichtungen formuliert. Ford hat sich vorgenommen, bis 2025 mindestens 20 % recycelten Kunststoff in seinem gesamten Fahrzeugportfolio einzusetzen, während GM darauf abzielt, bis 2030 in allen Fahrzeugen 50 % nachhaltige Materialien zu verwenden.
Speziell bei den Batteriegehäusen für Elektroautos integrieren Hersteller PCR-basiertes Polypropylen, ABS und technische Kunststoffmischungen in Gehäuse, Abdeckungen und tragende Rahmenstrukturen. Ziel ist es, die Abhängigkeit von Neuware zu reduzieren und gleichzeitig Anforderungen an Festigkeit, Schlagzähigkeit und Maßhaltigkeit einzuhalten. Gerade bei Batteriepaketen von Elektrofahrzeugen, deren Gehäuse große Volumina aufweisen, steht Materialeffizienz besonders im Fokus - ein wesentlicher Hebel für mehr Nachhaltigkeit von Elektroautos.
Die meisten Traktionsbatterien für leichte Fahrzeuge enthalten heute rund 50 % mehr Kunststoff als noch vor zehn Jahren, so Rich Reed, Vice President Sales and Marketing bei Performance Plastics. Zulieferer von Batteriegehäusen schließen deshalb zunehmend direkte Liefervereinbarungen mit Recyclern und Compoundeuren, um eine gleichbleibende Qualität der PCR-Materialien und eine verlässliche Versorgung sicherzustellen. So lassen sich Schwankungen im Inputmaterial besser steuern und Großserienfertigungen absichern.
Auf der Zertifizierungsseite stellt das APR PCR Certification Program, ins Leben gerufen von der Association of Plastic Recyclers (APR), ein anspruchsvolles, ISO-akkreditiertes, unabhängiges Auditprogramm dar. Es sorgt für Transparenz im PCR-Markt und unterstützt eine verlässliche Lieferkette für recycelte Kunststoffe. Seit dem Start 2021 wurde APR PCR Certification an mehr als 35 Kunststoffrecycler vergeben und deckt Schätzungen zufolge 30 % oder mehr der Post-Consumer-Produktion von PET, PP, HDPE und LDPE/LLDPE in Nordamerika ab. Das APR PCR Certification Program verlangt, dass zertifizierte Granulate oder Flakes zu mindestens 90 % aus Kunststoffmaterial aus Haushaltsabfällen bestehen; die Rückverfolgbarkeit wird über ISO-Standards zur Lieferkettenzertifizierung abgesichert. Die Kosten für eine Zertifizierung hängen von der Zahl der Produkte und Standorte ab, die auditiert werden, und beginnen bei etwa 5.000 US-Dollar.
Zulieferer, die in das Segment Batteriegehäuse für Elektroautos einsteigen wollen, stehen damit vor zusätzlichen technischen Hürden - über die reinen Zertifizierungskosten hinaus. PCR-Materialien müssen strengen automobilen Anforderungen an Dauerfestigkeit, mechanische Eigenschaften und Sicherheit genügen. Gleichzeitig bleibt die Eigenschaftsstreuung im Rezyklat-Input eine Herausforderung für strukturelle Anwendungen, bei denen eine konstante Schlagzähigkeit und hohe Maßgenauigkeit unabdingbar sind. Die zunehmende Nutzung von Post-Consumer-Resin findet zudem vor dem Hintergrund eines wachsenden öffentlichen Misstrauens und oft mangelnder Transparenz statt. Neue digitale Lösungen zur Rückverfolgbarkeit sollen hier für mehr Klarheit sorgen und das Vertrauen der Partner entlang der Lieferkette für Elektrofahrzeuge stärken.
Auch die grenzüberschreitende Harmonisierung befindet sich im Aufbau. APR hat sein offizielles PCR-Zertifizierungsschema auf Basis von ISO-Standards zur Lieferkettenzertifizierung und Rückverfolgbarkeit entwickelt - in enger Abstimmung mit dem Audit Scheme for Recycled Plastics Traceability der europäischen Initiative RecyClass. Dies ist ein Schritt hin zu abgestimmten Dokumentationsanforderungen in den USA, Kanada und Mexiko für OEMs, die Materialien über die USMCA-Grenzen hinweg beschaffen. Der Wettbewerbsvorteil von Materialanbietern hängt zunehmend an Konformitätszertifikaten, Transparenz in der Lieferkette und proprietären Materialrezepturen.
Der American Chemistry Council fordert die Automobilhersteller dazu auf, Vorgaben zum Rezyklatanteil direkt in ihre Materialfreigabeprozesse zu integrieren. Diese Standards sollten auch Spielräume für bestimmte Additive und Spurstoffe in langlebigen, recyclingfähigen Anwendungen vorsehen. So entstünde eine regulatorische "Einfahrtsrampe" für das Recycling langlebiger Kunststoffe im Automobilbereich.
Ausblick
Neue Vorgaben zu CO₂-Berichterstattung und Zielen der Kreislaufwirtschaft werden den Einsatz von PCR-Materialien weiter beschleunigen. Hersteller dürften verstärkt digitale Tracking-Systeme implementieren, um den Einsatz recycelter Kunststoffe aus Haushaltsabfällen sowie Kennzahlen zu Umweltwirkungen transparent zu dokumentieren. OEMs und Tier-1-Zulieferer werden voraussichtlich mehr Kapital in Prüfungen, Validierung und Zertifizierungen investieren, da kommende Fahrzeuggenerationen konkrete Anforderungen an PCR-Anteile in Batteriegehäusen für Elektroautos enthalten.
Das Fehlen einheitlicher bundesweiter Vorgaben in Nordamerika - im Gegensatz zu den stufenweise verschärften EU-Zielen - dürfte dazu führen, dass von OEMs gesetzte Zertifizierungsanforderungen kurzfristig als faktischer Standard für die Region fungieren. Damit bestimmen die Hersteller maßgeblich, wie sich Qualitäts- und Transparenzanforderungen für die Nachhaltigkeit von Elektroautos und ihre Lieferketten entwickeln.
Weiterführende Informationen: USA schlagen bundesweite Vorgaben für Rezyklatanteile in Auto-Kunststoffen vor
