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EU legt Frist 2026 für Nachweis von recyceltem Kunststoff im Fahrzeugbau fest

Die EU-Frist Ende 2026 für Regeln zum Nachweis recycelter Kunststoffe im Rahmen der ELV-Verordnung zwingt die globalen automobilen Lieferketten, externe Prüfungen und umfassende Rückverfolgbarkeit einzuführen.

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EU legt Frist 2026 für Nachweis von recyceltem Kunststoff im Fahrzeugbau fest

Die Europäische Union hat eine verbindliche Frist bis Ende 2026 gesetzt, um die Methode zur Berechnung und zum Nachweis des Anteils von recyceltem Kunststoff in Neufahrzeugen zu veröffentlichen. Dieser zentrale Schritt im Rahmen der kommenden Verordnung über Altfahrzeuge (End-of-Life Vehicles, ELV) wird weltweit Prüf- und Rückverfolgbarkeitsanforderungen für Automobil-Lieferketten festschreiben und den Nachweis recycelter Materialien zur Pflicht machen.

Hintergrund

Die EU-Institutionen erzielten im Dezember 2025 eine politische Einigung über den überarbeiteten ELV-Rahmen; der Kompromisstext wurde im Februar 2026 veröffentlicht. Die neue Verordnung ersetzt die bisherige ELV-Richtlinie, die seit dem Jahr 2000 die Wiederverwertbarkeit von Fahrzeugen sowie Beschränkungen für gefährliche Stoffe regelt. Der überarbeitete Rechtsrahmen geht deutlich weiter, indem er Fahrzeugkonstruktion, Materialauswahl, Einsatz von Recyclingmaterial und Herstellerverantwortung über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs hinweg miteinander verknüpft.

Der politische Druck ergibt sich aus einer gut dokumentierten Lücke zwischen der heutigen Praxis und den Zielen der Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie. Kunststoffe machen in heutigen Altfahrzeugen etwa 12 % der Masse aus, gleichzeitig setzen führende Hersteller jedoch lediglich 2-3 % Recyclinganteil in ihren Fahrzeugen ein. Der Großteil der aus Altfahrzeugen zurückgewonnenen Kunststoffe landet weiterhin auf Deponien oder wird zur energetischen Verwertung genutzt.

Einzelheiten

Die Regeln zur Berechnung und zum Nachweis des Anteils an recyceltem Kunststoff sollen bis Ende 2026 festgelegt und veröffentlicht werden. Darauf folgt 2027 eine Machbarkeitsstudie zur Festlegung verbindlicher Zielwerte für den Recyclinganteil und im Jahr 2030 eine Erklärung zu den eingesetzten Materialformaten. Die verpflichtenden Mindestquoten werden gestaffelt eingeführt: Sechs Jahre nach Inkrafttreten ist ein Mindestanteil von 15 % recyceltem Kunststoff vorgeschrieben, zehn Jahre nach Inkrafttreten steigt dieser Mindestwert auf 25 %. Mindestens 20 % des recycelten Kunststoffs müssen dabei aus Altfahrzeugen stammen.

Der Nachweisrahmen hat unmittelbare Folgen für die grenzüberschreitende Beschaffung. Rezyklate dürfen auch aus Nicht-EU-Ländern stammen, sofern die Produktionsanlagen Prüfungen durch unabhängige Dritte unterzogen werden. Diese Bedingung legt gleichwertige Anforderungen an die Einhaltung der Vorschriften für Lieferanten in Nordamerika, Asien und anderen Regionen fest, die recycelte Polyolefine und Polyamide für Fahrzeuge auf dem EU-Markt bereitstellen möchten. Der Nachweis recycelter Materialien wird damit zu einer zentralen Marktzugangsvoraussetzung.

Lieferanten, die keine belastbaren Daten zur Materialzusammensetzung und Wiederverwertbarkeit vorlegen können, droht der Ausschluss aus den automobilen Lieferketten. Die Anforderungen an Rückverfolgbarkeit werden durch parallele EU-Instrumente zusätzlich verschärft: Digitale Fahrzeugpässe sollen Transparenz und Rückverfolgung entlang der gesamten Wertschöpfungskette verbessern, indem sie Materialerklärungen von Harzproduzenten über Systemlieferanten bis hin zu den Fahrzeugherstellern (OEMs) miteinander verknüpfen.

Prognosen zur Nachfrage verdeutlichen das Ausmaß der Herausforderung. Es wird erwartet, dass die Vorgaben zum Recyclinganteil überwiegend durch recycelte Polyolefine erfüllt werden. ICIS hat zuvor geschätzt, dass bis 2040 etwa 0,5 bis 0,6 Millionen Tonnen recycelter Polyolefine benötigt werden, wobei recyceltes Polypropylen den Hauptanteil stellen dürfte, da Polypropylen in vielen automobilen Bauteilen dominiert. Aktuell sind recycelte Kunststoffe in Automobilqualität - insbesondere Polypropylen, Polyethylen und Polyamid - weiterhin nur begrenzt verfügbar, wie Marktanalysen von IDTechEx zeigen.

Die Fahrzeughersteller passen ihre Beschaffungsstrategien bereits an. Nissan und BMW setzen recycelte Kunststoffe in Fahrzeuginnenräumen und strukturellen Komponenten ein, während Stellantis und Renault gemeinsam mit Recyclern und Demontagebetrieben geschlossene Kunststoff-Kreisläufe ausbauen. Auch Materialhersteller positionieren sich neu: BASF, Covestro und andere investieren in die nächste Generation nachhaltiger Polymerwerkstoffe, um die wachsende Nachfrage nach leistungsfähigen Recyclingmaterialien zu bedienen.

Die Verordnung enthält zudem einen Schutzmechanismus. Die vorläufige Einigung erlaubt es der Europäischen Kommission, die Zielwerte für den Kunststoff-Recyclinganteil zu verschieben oder vorübergehend abzusenken, "falls fehlende Verfügbarkeit oder übermäßig hohe Preise bestimmter recycelter Kunststoffe die Einhaltung der Mindestanteile an recyceltem Material übermäßig erschweren".

Ausblick

Für Fahrzeughersteller und Zulieferer beschränkt sich die Einhaltung der Vorgaben am Lebensende eines Fahrzeugs längst nicht mehr auf Demontage und Abfallbehandlung - zunehmend geht es um den belastbaren Nachweis von Kreislauffähigkeit durch verlässliche Materialdaten, strengere Vorgaben an das Design und prüfbare Informationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der Durchführungsrechtsakt der Kommission bis Ende 2026 wird die konkrete Methodik für den Nachweis recycelter Materialien und deren Verifizierung festlegen. Sein Anwendungsbereich dürfte auch definieren, wie mengenbilanzbasierte Anrechnungssysteme und Zertifizierungsschemata durch unabhängige Dritte sowohl für mechanisch als auch chemisch recycelte Einsatzstoffe anerkannt werden.

Die Erfüllung der ELV-Vorgaben wird eine engere Zusammenarbeit zwischen Automobilherstellern, Demontagebetrieben, Materiallieferanten und politischen Entscheidungsträgern erfordern, um die Kreislaufwirtschaft in der Automobilindustrie voranzubringen und den Anteil recycelter Kunststoffe im Fahrzeugbau nachhaltig zu steigern.