Europäische Gesetzgeber haben eine Frist bis Dezember 2026 festgelegt, bis zu der die Europäische Kommission verbindliche Berechnungs- und Prüfregeln für den Nachweis des Recycling-Anteils von Kunststoffen in neuen Fahrzeugen vorlegen muss. Dies markiert den ersten klaren Compliance-Meilenstein im Rahmen der neuen EU-Verordnung über Altfahrzeuge (End-of-Life Vehicles, ELV). Die im Dezember 2025 erzielte vorläufige Einigung zwischen Europäischem Parlament und Rat führt erstmals verpflichtende Zielvorgaben für recycelte Kunststoffanteile in neuen Pkw, leichten Nutzfahrzeugen, Motorrädern, schweren Nutzfahrzeugen und Spezialfahrzeugen in Europa ein. Automobilhersteller in ganz Europa passen bereits ihre Auditprozesse für Zulieferer, Dokumentationssysteme und Beschaffungsstrategien für Materialien an, um die neuen EU-Vorschriften für recycelte Kunststoffe zu erfüllen.
Hintergrund
Am 13. Juli 2023 legte die Europäische Kommission einen Verordnungsvorschlag zu Zirkularitätsanforderungen im Fahrzeugdesign und zur verbesserten Behandlung von Altfahrzeugen vor - im Einklang mit dem European Green Deal und dem Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Während die ursprüngliche ELV-Richtlinie bereits seit dem Jahr 2000 gilt, verschärft der neue Rechtsrahmen nun die Erwartungen an den Einsatz recycelter Materialien, zirkuläres Design und die erweiterte Herstellerverantwortung.
Der entscheidende Wandel betrifft das Maß an Rechenschaftspflicht, mit dem nachgewiesen werden muss, dass Zirkularitätsziele tatsächlich erreicht werden. Es geht weniger darum, völlig neue Pflichten zu schaffen, als vielmehr darum, Kreislaufwirtschaft in immer komplexeren Materialströmen operativ umzusetzen. Im Jahr 2023 wurden in der EU 14,8 Millionen Kraftfahrzeuge hergestellt, 285,6 Millionen Fahrzeuge waren auf EU-Straßen unterwegs, und jedes Jahr erreichen rund 6,5 Millionen Fahrzeuge das Ende ihrer Lebensdauer.
Details
Die Regeln zur Berechnung und zum Nachweis des Recycling-Anteils von Kunststoffen müssen bis Ende 2026 vorliegen; daran schließt sich 2027 eine Machbarkeitsstudie für die Festlegung konkreter Zielwerte für den Recycling-Anteil an sowie 2030 eine Erklärung zu Materialformaten. Die stufenweise eingeführten verbindlichen Zielwerte schreiben vor, dass die in jedem neuen Fahrzeugtyp eingesetzten Kunststoffe innerhalb von sechs Jahren nach Inkrafttreten der Vorschriften für die Automobilproduktion mindestens 15 % recycelten Kunststoff enthalten müssen und innerhalb von zehn Jahren mindestens 25 %. Mindestens 20 % dieses Anteils müssen wiederum aus Kunststoffen stammen, die aus Altfahrzeugen oder aus Bauteilen und Komponenten gewonnen wurden, die während der Nutzungsphase ausgebaut wurden.
Branchenverbände unterstützen die schrittweise Ausgestaltung grundsätzlich, weisen jedoch auf Engpässe bei der Versorgung mit geeigneten Rezyklaten hin. ACEA-Generaldirektorin Sigrid de Vries erklärte, "ein gestuftes Vorgehen ist unerlässlich, da es derzeit an hochwertigen, sicheren und für den Automotive-Bereich geeigneten Rezyklaten auf dem Markt mangelt." Besonders begrüßt ACEA, dass Vorproduktionsabfälle (pre-consumer plastics) in die Berechnung des Recycling-Anteils einfließen dürfen, da dies die Erreichbarkeit der Ziele sicherstellt und mit den Realitäten der Fertigungspraxis in Einklang bringt.
Auf OEM-Seite setzen Hersteller wie BMW bereits verstärkt recycelte Kunststoffe im Fahrzeuginnenraum und in Strukturbauteilen ein, während Stellantis und Renault gemeinsam mit Recycler:innen und Demontagebetrieben ihre Closed-Loop-Programme zur Kunststoffrückgewinnung ausbauen. Stellantis hat Prozesse etabliert, um Rezyklate systematisch zu managen und geschlossene Stoffkreisläufe aufzubauen, die Primärkunststoffe in der Produktion neuer Fahrzeuge und Ersatzteile ersetzen - gestützt auf einen "Design for Circular Economy"-Ansatz bereits in der frühen Entwicklungsphase.
Die zentrale Veränderung betrifft das geforderte Niveau an Datenintegrität, das den Compliance-Nachweis untermauern soll. Die Erreichung der Zielwerte für den Recycling-Anteil, der Nachweis der Zirkularitätsfähigkeit eines Designs und die Verifizierung einer ordnungsgemäßen Behandlung von Altfahrzeugen hängen alle von verlässlichen Informationen zu Materialien und Mengen entlang komplexer Lieferketten und Rückgewinnungsnetzwerke ab. In vielen Unternehmen liegen diese Daten zwar grundsätzlich vor, sind aber über zahlreiche Systeme und Prozessschritte hinweg fragmentiert.
Unabhängige Zertifizierungssysteme etablieren sich als zentrales Instrument, um Recycling-Angaben auf Zuliefererebene zu validieren. Programme wie RecyClass und EuCertPlast, gestützt auf eine lückenlose Material- und Mengendokumentation, gehören zu den wichtigsten Werkzeugen, um Konformität mit den neuen Vorschriften für die Automobilproduktion nachzuweisen. Die Echtzeitverfolgung von Altfahrzeugen über digitale Produktpässe und Blockchain-Lösungen, kombiniert mit unabhängigen Drittzertifizierungen von Circularity-Claims, kann die Compliance zusätzlich stärken und zugleich Reputations- wie Effizienzvorteile eröffnen.
Die Verfügbarkeit geeigneter Rezyklate bleibt jedoch ein kritischer Engpass. ICIS schätzte bereits früher, dass bis 2040 etwa 0,5 bis 0,6 Millionen Tonnen recycelte Polyolefine benötigt werden, wobei der größte Teil aus recyceltem Polypropylen stammt - einem Schlüsselpolymer im Automobilbau. Die vorläufige Einigung räumt der Europäischen Kommission zudem die Möglichkeit ein, die Zielwerte für den Kunststoff-Recycling-Anteil zu verschieben oder vorübergehend abzusenken, "falls mangelnde Verfügbarkeit oder übermäßige Preise bestimmter recycelter Kunststoffe die Einhaltung der Mindestquoten für recycelte Inhalte unverhältnismäßig erschweren".
Nicht-Einhaltung birgt erhebliche geschäftliche Risiken und kann zu Bußgeldern oder Einschränkungen beim Marktzugang führen. Die Regeln zum Nachweis des Recycling-Anteils gelten sowohl für in der EU produzierte Fahrzeuge als auch für Importe und stellen damit gleiche Wettbewerbsbedingungen sicher.
Ausblick
In den kommenden Jahren werden laut IDTechEx vor allem eine enge Zusammenarbeit in den Lieferketten, Investitionen in Recyclingtechnologien sowie ein gewisses Maß an regulatorischer Flexibilität darüber entscheiden, inwieweit Automobilhersteller die neuen EU-Vorschriften für recycelte Kunststoffe einhalten können. Die aktuelle Marktprognose des Unternehmens geht davon aus, dass der Anteil nachhaltiger Kunststoffe in Fahrzeugen bis 2035 auf 18 % steigt - davon 15 % recycelte Kunststoffe und 3 % biobasierte Kunststoffe. Damit würde der Markt jedoch noch unter der geforderten Quote von 25 % rein recycelter Kunststoffe liegen, die nur ein Jahr später erreicht sein muss. Die vorläufige Einigung bedarf zudem noch der formellen Zustimmung durch Parlament und Rat, bevor die neuen Regelungen in Kraft treten können.
