Ein neuer bundesweiter US-Regelungsrahmen für den Einsatz von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) in Kunststoffen für die Automobilindustrie rückt in die Endphase. Er erhöht den Druck auf Fahrzeughersteller (OEMs) und ihre gestuften Lieferketten, den Einsatz von Recyclingkunststoffen im Fahrzeuginnenraum über alle Modellreihen hinweg lückenlos nachzuverfolgen, zu zertifizieren und offenzulegen.
Hintergrund
Die aktuelle Regulierung baut auf dem Programm der Umweltbehörde EPA zu umfassenden Beschaffungsleitlinien (Comprehensive Procurement Guideline, CPG) auf. Dieses Programm stützt sich auf den Resource Conservation and Recovery Act (RCRA) und ermächtigt die Behörde, Produkte zu benennen, die aus zurückgewonnenen Materialien hergestellt werden oder hergestellt werden können, und empfohlene Mindestrezyklatanteile zu veröffentlichen. Der derzeitige CPG-Rahmen umfasst 61 benannte Produkte in acht Kategorien, sieht jedoch bislang keine spezifische Verpflichtung für PCR-Polymere in Komponenten des Fahrzeuginnenraums von Pkw vor - etwa Instrumententafeln, Türverkleidungen oder Sitzträger. Genau diese Lücke soll die neue Regel schließen.
Der regulatorische Druck auf die Automobilbranche hat deutlich zugenommen, seit die Europäische Union mit der Gesetzgebung zu Altfahrzeugen (End-of-Life Vehicles, ELV) vorgeprescht ist. Diese verlangt, dass neue Fahrzeuge innerhalb von sechs Jahren nach Inkrafttreten mindestens 15 % Recyclingkunststoffe enthalten und innerhalb von zehn Jahren 25 %, wobei mindestens 20 % aus geschlossenen Recyclingkreisläufen stammen müssen. US-Gesetzgeber und -Behörden verweisen auf dieses EU-Vorbild, um eigene Maßnahmen für die Bundesfahrzeugflotte und in der Folge auch für die breitere gewerbliche Produktion zu begründen. Die Automotive Industry Action Group (AIAG) hat bereits von der Industrie getragene Definitionen und Messmethoden für den Rezyklatanteil in automobilen Produkten entwickelt - Rahmenwerke, die voraussichtlich in den Zertifizierungsprozess der neuen Vorschrift einfließen werden.
Fünf US-Bundesstaaten haben Gesetze verabschiedet, die ab 2025 einen Mindest-PCR-Anteil in Kunststoffverpackungen vorschreiben, so der Verband der Kunststoffrecycler. Zwar richten sich diese Vorgaben primär an Verpackungen, doch die dafür aufgebaute regulatorische Infrastruktur - einschließlich unabhängiger PCR-Zertifizierung, Nachweis der Lieferkette und regelmäßiger Lieferantenberichte - wird nun auf langlebige Gebrauchsgüter wie den Fahrzeuginnenraum ausgeweitet. Sowohl Oregon als auch Kalifornien verweisen in ihren jeweiligen Systemen für erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) und Rezyklatquoten auf unabhängige Zertifizierungssysteme für PCR, womit ein Präzedenzfall für vergleichbare Anforderungen im Bereich der Kunststoffe für die Automobilindustrie geschaffen wurde.
Details
In der voraussichtlichen Endfassung wird die Regel OEMs und Tier-1-Zulieferer verpflichten, den PCR-Anteil nach Gewicht in großvolumigen Kunststoffbauteilen des Fahrzeuginnenraums zu ermitteln und zu zertifizieren. Dazu zählen Instrumententafeln, Türverkleidungen, Mittelkonsole und Sitzträger. PCR-Materialien wie Polypropylen (PP), Acrylnitril-Butadien-Styrol (ABS) und Polycarbonat (PC) sind laut Marktexperten die wichtigsten Polymere für Anwendungen im Fahrzeuginnenraum. Jedes Material stellt eigene Herausforderungen: Türverkleidungen auf PP-Basis müssen hochwertigen Sichtoberflächen (Klasse-A-Oberflächen) und Anforderungen an die UV-Beständigkeit genügen, während glasfaserverstärkte PP-Typen für strukturelle Träger eine umfangreiche Leistungsvalidierung benötigen, bevor ein Recyclingrohstoff freigegeben werden kann.
Die Aktivitäten der Industrie zeigen, wohin sich die OEM-Compliance entwickelt. Borealis hat eine mit 15 % Mineralstoffen gefüllte PP-Compoundqualität mit 30 % PCR-Anteil entwickelt, die in der Türverkleidung eines Mercedes-Benz-Modells eingesetzt wird und demonstriert damit, dass sichtbare Bauteile im Fahrzeuginnenraum mit hohem Recyclingkunststoffanteil technisch machbar sind. Eine Mittelkonsole von BMW nutzt ein glasfaserverstärktes PP-Compound mit 40 % PCR-Anteil, wie von der Messe K 2025 in Düsseldorf berichtet wurde. Auf der Materialseite hat Covestro im April 2025 TÜV-Rheinland-zertifizierte Polycarbonat-Typen mit 50 % PCR-Anteil auf den Markt gebracht, gewonnen aus ausgedienten Fahrzeugscheinwerfern. Diese wurden in Kooperation mit Volkswagen und NIO in einem von der GIZ moderierten Konsortium entwickelt.
Dokumentationspflichten entlang der Lieferkette entwickeln sich zu einer der zentralen Herausforderungen der Lieferkettenregulierung. Der Nachweis der Lieferkette - also die unabhängige Bestätigung des Anteils an Sekundärrohstoffen durch systematische Prüfungen entlang der Wertschöpfungskette - wird erforderlich sein, um PCR-Angaben auf Fahrzeugebene zu untermauern und eine belastbare Kunststoffzertifizierung zu ermöglichen. Die AIAG hat einen Standard zur Definition des Rezyklatanteils veröffentlicht, der einen einheitlichen Ansatz der Branche für die Ermittlung von Recyclinginhalten in automobilen Produkten bereitstellt und sich an ISO-Rahmenwerken orientiert. Dieser Standard dürfte die Grundlage für Dateneinreichungen der Zulieferer an die OEMs bilden.
Die neue Regel überschneidet sich zudem mit der Weiterentwicklung digitaler Compliance-Plattformen. Die Version 15 der IMDS-Plattform bietet erweiterte Funktionen zur Meldung von Recyclinganteilen und ermöglicht es OEMs und Zulieferern, PCR-Daten gemeinsam mit Materialdeklarationen auf Teileebene zu übermitteln, so Fachleute für Regelkonformität. Mögliche Überschneidungen mit bundesstaatlichen Vorgaben zu EPR und PCR - insbesondere in Kalifornien, wo die Ausgestaltung unter SB 54 noch läuft - erhöhen die Komplexität für Ersatzteilzulieferer und Händler, die parallel in mehreren Rechtsräumen tätig sind.
Der weltweite Markt für PCR-Materialien in der Automobilindustrie wurde 2023 mit rund 1,68 Milliarden US-Dollar bewertet und soll bis 2030 auf etwa 2,25 Milliarden US-Dollar anwachsen. Die Vereinigten Staaten gelten dabei als wichtigster Markt für staatlich geförderte Nachhaltigkeitsinitiativen in diesem Segment der Recyclingkunststoffe.
Ausblick
Branchenvertreter rechnen nach der endgültigen Veröffentlichung der Vorschrift mit einem gestuften Zeitplan für die Umsetzung. Dieser soll den Herstellern ausreichend Zeit geben, Recyclingrohstoffe zu qualifizieren, Systeme zur Lieferantentransparenz aufzubauen und lückenlose Nachweise zur Lieferkette zu etablieren. Der Zertifizierungsprozess wird voraussichtlich auf unabhängige Standards zurückgreifen, wie sie etwa von APR und TÜV Rheinland veröffentlicht wurden, und damit Vorgehensweisen widerspiegeln, die bereits in die gesetzlichen Rahmenwerke von Kalifornien und Oregon integriert sind. Großhändler und Ersatzteilanbieter, die in mehreren Bundesstaaten aktiv sind, sehen sich zusätzlich mit der Herausforderung konfrontiert, mögliche Abweichungen zwischen bundesrechtlichen Vorgaben und unterschiedlichen bundesstaatlichen Definitionen des PCR-Anteils sowie divergierenden Meldeintervallen zu bewältigen.
